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Zum 50. Todestag von Josef Matthias Hauer - Die Freundschaft zwischen Johannes Itten, Josef Matthias Hauer und Ferdinand Ebner.

Ernst Pavelka | | 22.09.09

„Der Hauer schleppte mich in die Ausstellung des Schweizer Malers Johannes Itten. Das ‘Schöpferische’ im Auge musiziert in Farben u. geometrischen Formen: mein Verstand begreift mehr als meine Psyche ästhetisch begreift. Die Geburt des Ohrenmenschen in Europa. Die Geburt von Farben u. Formen aus dem Geist der Musik. Das Ende des Idealismus. Der Hauer fing mit dem Itten ein Gespräch über die Klangfarbe an. Ich verließ ihn u. rannte auf dem Graben einigemale hin u. her. Wohin gerate ich innerlich? Nach dem Abendessen spielte der Hauer seine letzten Kompositionen. Kühles Raisonnement. Klangfarbenästhetizismus. Ich werde noch am Wortloswerden meiner inneren Existenz geistig ersticken – – –“ (Ferdinand Ebner, 7.5.1919)

Aus Anlass des heutigen 50. Todestages des Zwölfton-Komponisten Josef Matthias Hauer veröffentlicht die Internationale Ferdinand-Ebner-Gesellschaft an dieser Stelle nocheinmal die Zusammenfassung eines Vortrages, welchen Dieter Bogner beim letzten Ferdinand-Ebner-Symposium 2007 in Gablitz im Wienerwald gehalten hat. Der Titel des Vortrages hatte gelautet: „Die Freundschaft zwischen Johannes Itten, Josef Matthias Hauer und Ferdinand Ebner.“

Eine Videoaufzeichnung des Vortrages von Dieter Bogner auf CD-Rom kann gegen einen Unkostenbeitrag von EUR 8.— hier bestellt werden.

Interview mit Josef Matthias Hauer auf YouTube

Bogners Vortrag beschäftigte sich mit der auf nur wenige Monate konzentrierten, engen Beziehung zwischen Ferdinand Ebner, Josef Matthias Hauer und Johannes Itten im Jahre 1919 sowie deren Zerbrechen. Eine Beziehung, die für alle Beteiligten derart fruchtbringend gewesen ist, dass Bogner sie gerne als „Sternstunde der Moderne“ verstanden wissen möchte. Itten war 1916 nach Wien gekommen und hatte in Gersthof eine Kunstschule errichtet. Auf einem der Blätter, auf denen Itten in den 60er Jahren im Rückblick verzeichnet hatte, wen aller er in Wien damals kannte, stechen mit Bleistift umrahmt unter Namen wie Adolf Loos, Walter Gropius, Otto Neurath oder Ludwig Wittgenstein die Namen Ferdinand Ebners und Josef Matthias Hauers besonders hervor.

Hauer und Itten waren im Umkreis der „Freien Bewegung“ aufeinander getroffen. Hauer war, nachdem er jahrelang nicht mehr komponiert, wohl aber theoretisiert („Über die Klangfarbe“) hatte, am Tag vor der Eröffnung einer Itten-Ausstellung in der „Freien Bewegung“ durch die Ausstellung gegangen. Die Werke Ittens wurden ihm dabei schlagartig so sehr zum schöpferischen Durchbruch aus der Schaffenskrise, zur „Überwindung des Schönberg’schen Chaos“, dass er Itten vor Ort sagen konnte: „Ich bin Komponist und habe in meiner Tasche Briefe an meine Freunde, um ihnen mitzuteilen, dass ich derart hoffnungslos in die Zukunft sehe, dass ich mich entschlossen habe, nie mehr eine einzige Komposition zu schreiben. Seit ich jetzt hier Ihre Bilder sah, verspreche ich Ihnen, dass ich diese Briefe verbrenne und mit neuer Hoffnung an die Arbeit gehe!“ In der Folge entstanden die Werke Opus 15, 16, 17, 18 und 19. Ebner wurde in dieser Zeit gleichsam zum Biographen dieser so ungemein bedeutungsvollen Begegnung zwischen Josef Matthias Hauer und Johannes Itten: „Es ist kein Zufall, dass zwei Menschen, ein Komponist und ein Maler [...] gleich vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an, auf die ersten miteinander gewechselten Worte hin und das erste gegenseitige Bekanntwerden mit ihren Werken, sich so in Wechselseitigem Verständnis trafen, dass der Maler sagen konnte, was ihm Hauer auf dem Klavier vorspiele seien seine eigenen Kompositionen, die er komponiert hätte, wenn er eben nicht Maler, sondern Musiker wäre. Wie ja auch Hauer von den Gemälden Ittens behauptet, sie erfüllen alles, was er sich von Bildern und von der Kunst des Malens im Besonderen seit jeher erwartet und gewünscht habe.“ So hatte Hauer seine „Apokalyptische Phantasie“ mit einem der großen geometrischen Bilder Ittens identifiziert. „Jedenfalls hat das Schaffen beider eine gemeinsame innere Voraussetzung in der angenommenen tiefen im Subjekt wurzelnden Identität des Seh- und Höraktes.“

Die schöpferische Begegnung zwischen Hauer und Itten sollte in der Folge zu einem Reduktionismus bis zum Exzess führen. Hauer fürchtete an die Grenze der musikalischen Artikulationsfähigkeit zu stoßen, zu „Geräuschlosigkeit, Unsinnigkeit, also zur vollständigen Vergeistigung, zu Musikdenken ohne Spielen, Aufführen, Lärmen zu gelangen“. „[D]ie Musik, auf die ich mein Leben lang immer hoffte, wächst immer mehr ins Schweigen, ins Denken, in die Ruhe hinein.“ Die musikalische Entwicklung entspricht hier der radikalen Reduktion auf elementare Formen in der bildenden Kunst der De-Stijl-Bewegung oder Malewitschs, später des Bauhauses. Musikalisch geht es um die Form, die sich aus dem Intervall ergibt. Die schöpferische Begegnung, die zu diesem Ergebnis geführt hatte, wurde von Ebner präzise beobachtet und auch das Spannungsverhältnis zwischen Ebner. Hauer und Itten, das in ihr beschlossen liegt, bereits empfunden (s. Eingangszitat).

Kern der künstlerischen Auseinandersetzung zwischen Itten und Hauer war das Ton- und das Farbverhältnis, die Totalität der Farben und die Totalität der Töne. Hauer schickte an Itten einen Farbenkreis, in dem er die warmen und kalten Farben rhythmisch mischte und sie mit dem Tonkreis, Quint- und Quartenzirkel verband. Außerdem versuchte er mit einer Itten-Schülerin Sechstongruppen in Farb-Form-Kompositionen umzusetzen sowie Itten-Bilder entsprechend zu interpretieren. Ein Unterfangen, das nach der Euphorie der ersten Monate zu Spannungen führte, weil die Beziehungsgefüge (Ich-Du, hell-dunkel, zwölfteiliger Farbkreis, zwölfteiliger Tonkreis) des jeweils anderen mit Inhalten und Absolutheitsansprüchen gedeutet wurden, die von jenen jeweils als unerträglich empfunden wurden.

Bogner schloss seinen Vortrag mit Ausführungen zur Intervallfrage. Diese hat ihre Wurzeln bereits in der Wiener Schule der Kunstgeschichte des 19. Jhds., namentlich bei Alois Riegel. Hier wird bereits einer Betrachtung der Kunst das Wort geredet, die eine radikale Reduktion auf einfache Formelemente beinhaltet. Für Riegel steht das geometrische als künstlerische Ausdrucksform gleichberechtigt neben dem Natürlichen. Gedacht wird dabei in Beziehungen wie eben Ich und Du, Grundton und Oberton, Licht und Dunkel. Unter dem Titel „Die Emanzipation des Intervalls“ zeigte Riegel auf, dass nicht die einzelne Form das entscheidende sei, sondern das Intervall zwischen den Formen sei gleichbedeutend mit den beiden Elementen, welche die Wechselbeziehung begründen. In einem Umspringprozess könne das Intervall gleichzeitig Form sein. Bei Hauer hingegen ist 1919 nicht die Emanzipation des Intervalls, sondern die Verabsolutierung des Intervalls entscheidend. Erst unter der Voraussetzung, dass das Intervall das entscheidende Formelement ist, gelangt er zum Nichts, zum Nicht-mehr-hören, weil das Intervall nur mehr zu denken ist. Ein zweiter für den Beginn der Moderne entscheidender Punkt ist, dass diese Überlegungen weltanschaulich als Welterklärungsmodelle aufgeladen werden: „Von Intervallen können wir das Ganze der musikalischen Farbenwelt überschauen. Wir können die Einzelerscheinungen im Kreis anordnen, das Zufällige vom Wesentlichen, das Einfache vom Zusammengesetzten trennen.“ „Soll ich Euch von der Temperatur aus [...] alle politischen und gesellschaftlichen Vorgänge in Europa erklären?“ Dieses Denken entspricht wiederum dem, was Malewitsch in Russland bzw. die De-Stijl-Maler in Holland zu realisieren versuchten. Die Welt soll aus ganz einfachen Grundbeziehungen erklärt werden. Aus der Übertragung dieser Vorstellung in den Bereich der Philosophie, der Kunst oder der Musik ergaben sich aufgrund des dahinterstehenden absoluten Erklärungsanspruches Auseinandersetzungen über den Primat des jeweiligen Bereiches. Hatte ihn für Itten die Malerei, so für Hauer die Musik. Von daher hatte sich Hauer schließlich auch von Ebner entfernt.

Dieter Bogner ist Unternehmer und Kunsthistoriker. Nach kaufmännischer Ausbildung und unternehmerischer Tätigkeit studierte er Kunstgeschichte, Philosophie und Klassische Archäologie. Er war selbständiger Ausstellungskurator und Geschäftsführer der Museumsquartier Errichtungs- und Betriebsgesellschaft Wien. 1994 gründete er die Firma bogner.cc, welche sich der Planung und Errichtung von Museumsbauten, der Neuaufstellung von Sammlungen und der Umsetzung von Ausstellungsprojekten inhaltlich, betriebsorganisatorisch und wirtschaftlich vom ersten Konzept bis zur Eröffnung widmet. Projekte sind und waren u. a. das New Museum of Contemporary Art New York, das Hessische Landesmuseum, der Museumsleitplan Salzburg, das Vorarlberger Landesmuseum, das Museion – Museum moderner und zeitgenössischer Kunst Bozen oder das Kunsthaus Graz. 2005 habilitierte sich Dieter Bogner am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien. Dieter Bogner ist Sammler vornehmlich konstruktiver und konzeptueller Kunst. 2007 schenkte er dem Wiener MUMOK eine Sammlung im Wert 1,5 Millionen Euro, von der ein Teil im September und Oktober 2007 unter dem Titel „Ohne Wenn und Aber“ ausgestellt war. Es handelte sich um die größte Schenkung, welche das MUMOK seit seinem Bestehen erhalten hat. Dieter Bogner bekleidet zahlreiche Funktionen im Rahmen in- und ausländischer Museumsprojekte.

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